Weiße Segel, blauer Himmel und die
goldene Herbstsonne - Die schwedische Hauptstadt Stockholm
präsentiert sich als entspannte, weltoffene Metropole
Eine
Stadt voller Gegensätze, erbaut auf vierzehn Inseln: Wer das
Venedig des Nordens besucht, findet sich wieder in einer vielseitigen
Welt aus klassischer und moderner Architektur mit traditionsbewussten
und innovativen Menschen, die gemeinsam eines schätzen - ein
Leben auf Wasser und Land.
Text und Fotos: Thorsten Keller
Der Blick auf die Skyline ist
grandios. Kurz vor Sonnenuntergang vom Wasser her nach Stockholm
einzufahren, ein atemberaubendes Erlebnis. Die Krönung eines
Tages, der beginnt am frühen Morgen an den Kais von Strandvägen,
der Prachtstraße Stockholms, seinerzeit angelegt, als die Stadt
1897 Schauplatz der Weltausstellung war. Heute ist Strandvägen
Anlegestelle für die zahlreichen Schärendampfer, die die
Bewohner der Mini-Inseln vor der Küste Stockholms nach ihrem
Arbeitstag zurück nach Hause bringen. Oder aber den zahlreichen
Touristen und Freizeitkapitänen einen Einblick in den
Schärengarten erlauben, einen Einblick, der sich unvergesslich
einprägen wird. Wie ein unüberschaubares, buntes Labyrinth
liegen die kleinen Inseln des Archipels, 24.000 an der Zahl und diese
oftmals nicht viel größer als ein Fußballfeld, im
tiefblauen Wasser der Ostsee. Kleine, felsig graue Erhebungen, viele
lediglich bebaut mit einigen wenigen, rot gestrichenen Häusern
und der obligatorischen eigenen Schiffsanlegestelle, bewachsen mit
den für Schweden so typischen grünen Blumenwiesen und
Nadelbäumen. Natur pur eben! Ein Paradies für Segler. Und
die kreuzen zahlreich den Weg, freuen sich, genau wie die Touristen
und Freizeitkapitäne auf den Schärendampfern, die
strahlende Herbstsonne hier draußen genießen zu dürfen.
Szenenwechsel - hinein in die Szene, nach Södermalm.
Schroff, fast abweisend erheben sich die mächtigen Hänge
mit ihren prachtvollen Villen quer über das Wasser gen
Innenstadt. Doch hinter der rauen Fassade steckt ein weicher, ein
herzlicher Kern. Auf Södermalm, ehemals Insel der Industrie- und
Werftarbeiter, hat sich Stockholm in den vergangenen Jahren am
deutlichsten verändert. Das Södermalm von heute ist bunt,
international und das (multi-)kulturelle Zentrum Stockholms.
Zahlreiche Straßencafés laden zum Verweilen ein, genau
wie die Küche aus aller Herren Länder. Galeristen
präsentieren ihre Werke in kleinen Ateliers, auf den Bühnen
der zahlreichen Theater finden sich moderne wie klassische, neu
interpretierte Stücke internationaler Künstler. Am Abend
und am Wochenende trifft man sich auf Götgatan, der stylish
anmutenden Einkaufs- und Ausgehmeile im Herzen Södermalms. Mit
ihren Young-Label-Shops und Second-Hand-Läden trifft Götgatan
besonders den Geschmack der jungen Generation. Und dennoch bleibt
Södermalm ein Ort für Jedermann - wie bereits der
Medborgarplatsen, der Platz der Mitbürger im Zentrum der Insel
in seinem Namen aussagt.
Mit der Tunnelbanan, wie die
Bewohner Stockholms ihre U-Bahn nennen, geht es in Richtung City.
Zwischenstopp in Gamla Stan: Die engen, verwinkelten Gassen, die
langen, schmalen Bars und Restaurants und die kleinen, belebten
Plätze der Stockholmer Altstadt erinnern irgendwie an eine
Mischung aus dem vergnügungsfreudigen Temple Bar in Dublin und
dem mediterranen Flair der Toskana. Gemütlich, gastfreundlich
und eben traditionell. Und dennoch ist Gamla Stan auch ein Ort, um in
die Geschichte der Stadt Stockholm zu blicken, die nämlich im
Jahre 1252 genau hier als Handelsplatz der Hanse ihren Anfang nahm,
wie man im Stadtmuseum erfahren kann.
Überhaupt die
Museen, knapp siebzig sind es an der Zahl, die sich quer über
die ganze Stadt verteilen. Hier in Gamla Stan das Nobelmuseum, das
sich mit dem Leben und dem Vermächtnis des Mannes befasst, der
einst sein Vermögen stiftete, um damit die größten
und fortschrittlichsten Forschungsleistungen der Neuzeit zu
honorieren. Oder aber das weltbekannte Vasamuseum auf der grünen
Insel Djurgarden, das das erst 1961 geborgene, ehemalige Flaggschiff
der Großmacht Schweden ausstellt, dessen Jungfernfahrt im Jahre
1628 auf dem Meeresboden endete. Auch die kleine Insel Skeppsholmen,
von wo aus man bei einer Inselumrundung die schönsten Blicke auf
die Hafenmetropole und ihre zahlreichen Segelschiffe erhaschen kann,
wartet auf mit interessanten Museen, in denen der Kunstliebhaber
ostasiatische und moderne Kunst bewundern kann und der
Architekturbegeisterte mehr über die schwedische
Architekturgeschichte erfährt.
In der City angekommen,
lockt die historische Tram der Linie 7. In gemächlichem Tempo
zuckelt die alte Straßenbahn über die geschäftige
Einkaufsmeile Hamngatan mit ihren großen Kaufhäusern.
Unter den Alleebäumen von Strandvägan fährt sie
weiter, vorbei an den Schärendampfern bis zum Skansen, dem
größten Freilichtmuseum der Welt. Hier ist es also - das
Schweden des neunzehnten Jahrhunderts. Erbaut in Form von alten
Stadt- und Landhäusern, Glashütten und Handwerksbetrieben,
in denen uralte Bräuche wieder aufleben. Angelegt in einer
ursprünglichen nordischen Fauna und Flora, in der Elch, Bär
und Rentier noch gerne dem Besucher gegenübertreten. Hier auf
Djurgarden, wo die Ruhe regiert und die abgeschiedenen kleinen
Schlösschen nur von Spaziergängern erreicht werden können,
findet der Naturliebhaber viel Zeit und noch mehr Raum zur Muße.
An der Endstation unserer Linie 7 im Zentrum der City, am
Norrmalmstorg, schließt sich der Kreis. Ein paar Schritte, und
man findet sich wieder in der glamourösen Welt der Guccis,
Versaces und Armanis. Auf Drottinggatan, der pulsierenden
Fußgängerzone am Westende des seit Ewigkeiten als
städteplanerisches Desaster verschrieenen und gleichzeitig als
architektonisches Meisterwerk gepriesenen Sergels Torg, findet auch
derjenige sein Eldorado, der Stockholm auf eine Shopping-Tour
reduzieren möchte. Grund genug, dies nicht zu tun, gibt es in
Stockholm allemal, denn die einmalige Vielseitigkeit der Stadt
zwischen Malären und Schären findet sich in Europa nicht
häufig. Und die Offenheit und Herzlichkeit der lebensfrohen
Bewohner tut ihr Übriges dazu, Stockholm nach dem Abschied so
richtig zu vermissen.
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