FineArtReisen® Artikel Nr. 22887 vom 27.12.2009
Quelle: TRAVEL-REPORTAGE.COM hier klicken
Von Kongo nach Kalifornien im Linienbus, mit dem Zug durch Amerika, per S-Bahn nach Neuseeland, im Pkw nach Ägypten, Grönland, Korsika, Kamerun oder Texas. Und das alles, ohne die Landesgrenzen zu passieren - Deutschland ist viel exotischer als man denkt. Mal eben von Kiel nach Kalifornien? Bitteschön. Dazu muss man am Hauptbahnhof nur in den Bus der Linie 201 einsteigen. In exakt 45 Minuten Fahrzeit bringt er die Gäste ans Ziel. Nach Kalifornien – einem Stadtteil von Schönberg an der Ostsee. Und als ob dieses Ziel noch nicht exotisch genug wäre: Unterwegs hält der Linienbus auch noch an der Haltestelle Kongo (Starkendorf). Und wer nach Brasilien will, ist auf der Linie 201 ebenfalls richtig – auch das ist ein Ortsteil von Schönberg. Wer stattdessen lieber Urlaubsgrüße an die neidischen Daheimgebliebenen aus Neuseeland schicken will, muss auch keinen 24-Stunden-Flug um die halbe Welt buchen. Es reicht vielmehr ein Tagesticket der Berliner S-Bahn. Mit der Linie S3 geht es dann zur Endstation nach Erkner. Von hier sind es nur noch ein paar Gehminuten bis zum Ortsteil Neuseeland. Der liegt zwar nicht in der südlichen Hemisphäre, dafür aber äußerst idyllisch am Dameritzsee im Grün- und Wassergürtel von Berlin, und er ist unter der Postleitzahl 15537 registriert.
War es Fernweh, war es Reminiszenz an Abenteurer? Vielerorts in Deutschland gibt es Adressen, die man nicht gerade hier vermutet. Nicht einmal zu DDR-Zeiten schaute der Schalterbeamte im Chemnitzer Bahnhof verwundert auf, wenn dort jemand eine Fahrkarte nach Amerika verlangte. Er verkaufte sie vielmehr anstandslos. Denn Amerika liegt nicht weit entfernt an der Zwickauer Mulde und hatte eine eigene Bahnstation. Den ungewöhnlichen Namen bezog der zur Kleinstadt Penig gehörende Flecken aus der Tatsache, dass eine Kattundruckerei nur über den Fluss zu erreichen war. Dies erschien vielen einst so beschwerlich wie eine Tour nach Übersee, nach Amerika. Eine ähnliche Geschichte liegt auch dem niedersächsischen Namensvetter Amerika bei Garrel im Kreis Cloppenburg zugrunde: Auch hier war die Anreise durch den Sumpf anstrengend – wie eine Reise nach Amerika eben. Aus der einstigen Not haben die norddeutschen Amerikaner längst eine Tugend gemacht und verkaufen nun Bescheinigungen, dass man in ihrem Amerika war – „ganz ohne Schiff oder Flugzeug“.
Das Geschäftsmodell könnte man getrost auch anderen Bewohnern empfehlen. Denen von Texas beispielsweise. Siedlungen mit diesem Namen tauchen in Niedersachsen mindestens dreimal auf: bei Burgwedel, bei Hessisch Oldendorf und in Groß Oesingen. Ob dort das Cowboy- und Indianeraufkommen überdurchschnittlich ist, geht indes aus keiner Statistik hervor. Doppeltes USA-Feeling kann auch der Landkreis Oder-Spree bieten, gibt es bei Storkow in der Mark doch sowohl Neu Boston als auch Philadelphia. Von Boston nach Philadelphia in einer viertel Stunde – so machen die Storkower garantiert jeden (Übersee-)Amerikaner sprachlos. In Bescheidenheit übt sich indes angesichts von nur wenigen Einwohnern der Ortsteil Klein-Amerika von Wietzendorf am Rand der Lüneburger Heide. Wer von dort aber zu einem Südsee-Trip mit dem Fahrrad startet, muss durchaus nicht als größenwahnsinnig gelten, denn ein Badesee mit diesem einladenden Namen ist nur wenige Kilometer entfernt. Der Weg von hier nach Übersee ist aber viel länger, denn das liegt in Oberbayern.
Sogar nach Ägypten kann man das Navigationssystem programmieren und erhält gleich zwei Alternativvorschläge in der Nähe von Osnabrück. Aber Pyramiden sucht man in Ägypten bei Hopsten und bei Neuenkirchen vergebens. Viele Kühe sind dagegen in dieser ländlichen Umgebung keine Seltenheit. Der Rechtschreibreform des Herrn Duden haben sich hingegen die Bewohner von Egypten entzogen. Sie schreiben den Ortsteil von Oyten östlich von Bremen weiterhin konsequent mit „E“. Und Geografielehrer müssen auch nicht die Ahnungslosigkeit der Pennäler beklagen, wenn einer stur und steif behauptet, dass Transvaal nicht etwa im südlichen Afrika, sondern im nordöstlichen Ruhrgebiet liegt. Setzen, eins! Es stimmt; die Siedlung liegt genau an der Landstraße 638 zwischen Herten und Marl. Ein anderer Flecken namens Transvaal befindet sich bei Wittingen im Landkreis Gifhorn. An die Zeit der Burenkriege erinnert auch der Stadtteilname Port Arthur/Transvaal in Emden. Kreativität ist hier offenbar programmiert, wuchsen in Transvaal doch der Komiker Otto Waalkes und der Regisseur Wolfgang Petersen („Das Boot“) auf. Zum ungewöhnlichen Ortsnamen passt also auch die nicht minder exotische Ottifanten-Skulptur, die am zentralen Platz aufgestellt ist.
Die Begeisterung, dass das westafrikanische Kamerun unter Kaiser Wilhelm II. als deutsches Schutzgebiet betrachtet wurde, schlägt sich auch in der Namensgebung deutscher Orte nieder. Ob im nordbayerischen Creußen, bei Damnatz hinterm Elbdeich oder im brandenburgischen Malliß – landauf, landab stößt man immer wieder auf Kamerun. Auch Variationen sind im Angebot; etwa Neu-Kamerun bei Königs Wusterhausen. Ob es eine subtile Form der Rache der Preußen war? Im Kreis Prignitz heißt doch ein Ortsteil von Karstädt tatsächlich Waterloo und erinnert damit an die Niederlage von Franzosenkaiser Napolen.
„Gemeinderechtlich gehört Rom zur Pfarrei Salm“. So steht es im Lexikon. Ob Papst Benedikt, der Bischof von Rom, das auch weiß? Ob er seine Schäfchen in Rom in der Eifel schon mal explizit in seine Gebete eingeschlossen hat? Wahrscheinlich ist es nicht gerade, denn mehr als ein paar Häuser und Ställe hat der Weiler nicht, der zur Gemeinde Birresborn zählt. Wer nach Rom pilgern will, hat in Deutschland übrigens noch mehr Auswahl. Für die Nordlichter bietet sich Rom im Kreis Parchim in Mecklenburg-Vorpommern an; von Süden her ist Rom (ein Ortsteil von Morsbach) im Oberbergischen Kreis leichter zu erreichen. Auch ansonsten müssen Italien-Fans das eigene Land nicht verlassen, wenn sie etwa nach Mailand wollen. Das liegt nämlich gleich bei Leutkirch im Allgäu und hat zwar eine nette Dorfkirche – aber keinen Dom. Wer in Nabburg an der Naab nach Venedig fragt, muss damit rechnen, dass man ihn kurzerhand in die nordöstliche Vorstadt mir diesem anmutigen Namen schickt. Von Crailsheim in die Türkei bedarf es auch keines Billigfliegers: Der Ortsteil mit diesem exotischen Namen (der von einem Arbeitslager vom Bahnbau im 19. Jahrhundert herrührt) liegt nämlich im Süden der baden-württembergischen Stadt. Den vermeintlichen Mittelmeertrip kann man obendrein noch mit einem Abstecher nach Korsika abrunden. Dazu muss man nur in den gleichnamigen Ortsteil von Wald-Michelbach im Odenwald fahren.
Darf es lieber etwas kühler sein? Russland vielleicht? Kein Problem. Auf der Weltreise durch die Heimat liegt Russland in Ostfriesland und gehört postalisch zu Friedeburg. Da passt es, dass Sibirien als Ortsteil von Elmshorn nicht allzu weit entfernt ist. Wer zudem glaubt, dass Lemberg nur eine Großstadt in der Ukraine sei, hat das deutsche Lemberg übersehen. In der Nachbargemeinde von Pirmasens in der Südwestpfalz ist man mächtig stolz auf die stattliche Burgruine. Mit bemerkenswerten Adressen kann auch Mohrkirch im nördlichen Schleswig-Holstein aufwarten: Ein Hof liegt dort in Schweden, ein anderer in Norwegen. Letzteres ist übrigens zwischen Kleinrüde und Böel angesiedelt.
Wer obendrein noch weiß, dass Grönland nicht etwa unterhalb des Nordpols, sondern im Kreis Steinburg liegt und die Postleitzahl 25358 hat, hat das Zeug, bei „Wer wird Millionär?“ in ganz hohe Gewinnregionen zu kommen. Nordseeluft kann man nicht nur hier, sondern auch in England schnuppern. Im Gegensatz zum britischen Insel ist die deutsche Ausgabe aber nur von drei Seiten von Meer umgeben. Es liegt westlich von Husum bei Nordstrand. Wundern darf man sich auch in der Gemeinde Brachbach im Kreis Altenkirchen: Ein Quartier hört dort auf den schönen Namen In den Karpathen. Dabei ist Rumänien doch 2000 Kilometer entfernt. Wenn jemand behauptet, er könne in fünf Minuten von München nach Prag mit dem Fahrrad fahren, sollte man es nicht gleich als Unsinn abtun. Es funktioniert tatsächlich. In Hutthurm. In der niederbayerischen Gemeinde bei Passau liegen die Ortsteile mit den großen Namen gerade zwei Kilometer auseinander. 1972 verloren das kleine Prag und das kleine München übrigens ihre Selbständigkeit.
Auch Orte im Heiligen Land wurden immer wieder für die Namensgebung in Deutschland herangezogen. Jerichow in Sachsen-Anhalt zum Beispiel. Die christliche Tradition wird durch eine sehenswerte romanische Klosteranlage dokumentiert. Wer stattdessen Jerusalem vorzieht, hat gleich die dreifache Auswahl: in Niedersachsen, Schleswig-Holstein und in Thüringen. Auch Bethlehem ist doppelt im Angebot – als Ortsteile von Pfullendorf oder von Lengenwang im Ostallgäu. Und sogar mit längst untergegangenen und sagenumwobenen Orten kann der Straßenatlas aufwarten. Die biblische Königsstadt Ninive liegt demzufolge nicht in Assyrien, sondern als Weiler bei Herrnhut im Kreis Görlitz in Deutschlands östlichstem Zipfel. Nicht immer müssen Orte mit großem Namen aber auch vermeintlich historische Wurzeln haben, wie Troja in Mecklenburg-Vorpommern beweist. Das Nest, ein Ortsteil von Lärz, leitet seinen Namen vielmehr aus der slawischen Bezeichnung für drei ab.
Darf’s ein bisschen mehr sein? Gar das Paradies? Selbst das gibt es hierzulande mit richtiger Postadresse. Zum einen heißt ein ganzer Stadtteil in Konstanz so (weil die Schweiz so nah ist?), und zum anderen trägt ein Weiler bei Schonach im Schwarzwald den Namen. Wer es mehr mit irdischen Gütern hält, den wird es wohl eher nach Halbe Welt bei Velburg in der Oberpfalz. Doppelt so viel, nämlich die/das ganze Welt weist der Kreis Nordfriesland auf. Welt mit sage und schreibe sieben Straßen. Noch exotischer ist zweifelsohne die Adresse Halbmond – es ist eine Gemeinde in Ostfriesland. Den Vogel in Sachen Fernweh schossen aber zweifelsohne die Brandenburger ab, die einen Ortsteil von Kremmen Orion nannten. Da kommt man bei der Durchfahrt auf der B 273 ins Träumen von fernen Galaxien. Fliegen – aber nicht zum Orion – kann man aber auch in Kleinkanada. Diese ehemalige (natürlich kanadische) Militärsiedlung liegt neben dem Flugplatz Baden Airpark bei Baden-Baden. Hier starten die Flugzeuge nun täglich nach Rom, nach England und nach Ägypten. Aber nicht zu den Zielen in Deutschland, sondern zu den „echten“.
Autor: Joachim Sterz
Copyright © 2006 - 2009 by FineArtReisen®. Die Urheberrechte der vorliegenden Publikation liegen, soweit nicht durch Autorennennung, Quellennachweis oder Bildunterschriften anderweitig angezeigt, bei FineArtReisen®. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Rechteinhabers urheberrechtswidrig und daher strafbar. FineArtReisen® ist ein eingetragenes Markenzeichen beim DPMA (Deutsches Patent- und Markenamt). All rights reserved!